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Der Tigerhai Effekt – Warum Furcht eine Illusion ist

Schon wieder so ein kryptischer Titel. Aber ehrlich Leute, die Erfahrung die ich euch im weiteren Verlauf des Artikels schildern werde, hat meine Perspektive und ja, theatralisch gesagt sogar mein Leben verändert. Wenn du vor Tauchen mit Tigerhaien auch Angst hättest, lies weiter!

Wir schreiben das Jahr 2020, Ende Februar, auf Fuvamulah. Fuvamulah klingt nicht nur wie eine klitzekleine Insel im indischen Ozean, sie ist genau das. So groß, dass man, wenn man mitten auf der Insel steht, zu seiner linken und rechten, das Meer sehen kann. Es gibt etwa 5 Gästehäuser und 3 Restaurants, und ganz wichtig: 1 Tauchschule, was im übrigen der einzige Grund ist nach Fuvamulah zu fahren. Die Strände und das Meer auf den Malediven sind wirklich die schönsten die ich je gesehen habe, da erzählen uns die Bilder in den Magazinen mal zur Abwechslung keinen Schmarrn. Fuvamulah ist jedoch eine sogenannte „Einheimischeninsel“, ohne Luxus Resorts und Hotelbunker, muslimisch und äußerst traditionell. So war es zB. nicht möglich, einfach an einem Strand schwimmen zu gehen, vor allem ich als Frau habe mich aus Respekt ständig so verhüllt wie möglich gezeigt, außer am Tauchboot, der „free zone“. Apropos tauchen:

Wir machen einen kurzen Gedankensprung einige Jahre zurück an einen der vielen Tage an denen Stefan mir erklärt dass es ein großer Wunsch von ihm ist mit Haien zu tauchen. Haie. Tigerhaie am besten, weil groß. Ohne Käfig übrigens. Aha.

Für mich war klar: Ich mach mit, denn wenn wir sterben, dann gemeinsam! #dummesreden

Heute weiß ich, dass das eine der besten und nachhaltigsten Erlebnisse war, die ich je erfahren durfte, und ich möchte euch gerne erklären, warum.

Mit wilden Tigerhaien zu tauchen wirkt für den Ottonormalbürger zu allererst etwas schwachsinnig, so in etwa als würde man an einen bengalischen Tiger gefesselt Skydiving betreiben….übertrieben gesagt.

Da ist nun aber mal mein Mann, und ich weiß er kann es viel besser beschreiben als ich, der fasziniert ist von diesen Wesen, und mittlerweile verstehe ich ihn gut. Diese Kolosse fliegen unter Wasser mit einer derartigen Leichtigkeit, wirken stark und anmutig, respekteinflößend und unfassbar ruhig zugleich, einfach ein Wunder der Natur.

Nun wurde also fleißig recherchiert, wo man am besten absichtlich mit Haien tauchen kann, am besten geführt von Tauchguides die sich auskennen, in einem geschützten Raum, ohne dass die Tiere aus Showgründen aus der Hand gefüttert werden, ohne dass Mensch und Tier füreinander eine Gefahr darstellen, im Einklang mit der Natur, so gut es eben möglich ist. Diese Plätze muss man schon suchen, und wir fanden unseren Platz auf Fuvamulah. Solltet ihr das auch einmal ausprobieren wollen, findet ihr HIER den Link zur Tauchschule und dem Spot „Tiger ZOO“.

Als wir auf der Insel ankamen, startete Stefan erstmal gleich mit einem Tauchgang zum warm werden. Ich bin ein richtiges Tauch-Mädchen. Ich tauche schon und gerne, aber ja nicht zu tief und ja nicht zu oft (3x am Tag? Crazy!), damit sich keine Druckprobleme in meinen empfindlichen Musikerohren bemerkbar machen.

 

Stefan´s happy diving face

 

Ich setzte also den ersten Tag aus, und ging am 2. Tag am Vormittag mit zum 1. Tauchgang. Am gleichen Tag stand nachmittags der Haitauchgang an. Nur zur Info: Ich hatte zu diesem Zeitpunkt etwas mehr als 20 Tauchgänge in meinem Logbuch, Stefan in etwa 40.

Tag X

Wir waren beide den ganzen Tag freudig aufgeregt, aber auch minimal nervös. Ich kann nur von mir sprechen, aber 2-3 Stunden vor dem Tauchgang entwickelte sich schon eine leichte „Was mach ich da eigentlich“-Einstellung inklusive leichtem Herzklopfen. Am Boot, beim anziehen des Neoprenanzugs und vorbereiten der restlichen Ausrüstung geht mir anständig die Pumpe. Stefan grinst übers ganze Gesicht. Ist es Angst die ich verspüre? Naja, nicht so richtig, aber man fragt sich schon, warum man sich quasi mitten im Ozean jetzt auf den Grund des Meeres setzt und sich vielen wilden unberechenbaren Fleischfressern aussetzt.

Und dann kommen die Tauchguides und erklären, man soll unter Wasser Ruhe bewahren, die Haie riechen das sofort wenn du einen zu hohen Herzschlag hast. Danke für die Information. Das wirkt jetzt vielleicht so als hätte ich auf die ganze Aktion keinen Bock gehabt, war aber ganz und gar nicht so. Ich hatte riesige Lust und freute mich darauf, aber machen wir uns nichts vor. Jeder der in dieser Situation behauptet er sei tiefenentspannt hat andere Probleme.

Dann erklären unsere Guides das Prozedere, wir bereiten uns vor. Jeder bekommt eine Art Stock mit, man das Maul des Hais abwehren kann, sollte er sich auf dich zu bewegen. Beruhigend und beängstigend zugleich, so ein Stock für die eventuelle Haiattacke.

Eine kurze Entwarnung für alle, die jetzt Puls kriegen beim lesen:

Diese Tauchschule macht das seit vielen Jahren an diesem Ort. Jeden Tag wird dort mit den Haien getaucht Die Haie kennen Taucher, und es ist noch nie zu einem Zwischenfall gekommen.

Trotzdem muss man hinzufügen dass es wilde Tiere sind, denen man natürlich nicht blind vertraut. Unsere extrem erfahrenen Tauchguides geben uns dieses Gefühl aber auch nicht. Sie sind wachsam und für unseren Schutz da, und geben uns in jeder Minute das Gefühl dass wir ihnen vertrauen können.

Wir springen viele Meter entfernt vom Tauchspot ins Wasser und tauchen zum TigerZoo. Die Guides haben einen riesigen Thunfischkopf mit, zusammengeknotet mit anderen Fischresten. Das klingt zwar eklig, ist für dich als Taucher unter Wasser aber wurscht, unter anderem weil rotes Licht im Wasser aber einer gewissen Tiefe nicht durchkommt und das Blut dadurch grün erscheint.

Wir tauchen zum Tigerzoo und die Guides verstecken das Fish-Bundle unter vielen größeren Steinen. Wir sitzen auf ungefähr 7m Tiefe am Meeresboden und halten und an Korallen und Steinen fest, um nicht von der Strömung davongetragen zu werden. Auf einmal fühlen wir uns wie im Aquarium. Hunderte der buntesten Fische stürmen herbei und tummeln sich um die Fischreste. Es ist ein prachtvolles Schauspiel, so etwas habe ich noch nie gesehen. Es vergehen einige Minuten, und auf einmal wird es ruhig. Alle kleinen Fische verschwinden und für ein paar Sekunden fragt man sich was jetzt passiert ist. Und dann dämmert es dir…die kleinen Fische wussten es vor dir –

Die Haie sind da

Erst einer, dann drei, auf einmal erscheinen 5 große Tigerhaie, alles Weibchen wie wir später erfahren, eine davon hochträchtig. Die trächtige „Haiin“ war gefühlt fast gleich breit wie lang, ein Koloss. Generell hatten die Haie in etwa eine Länge von 4 – 6 Metern, und allesamt, angelockt vom Fischblut, versuchten den Thunfischkopf unter dem Stein hervorzuholen. Immer wieder schwamm einer der Haie auf uns zu, checkte uns ab.

Tigerhai
Das ist einer der Tigerhaie, die uns besucht haben

Wie wir in der Vorbereitung erfahren haben, haben Haie an ihrem Körper an beiden Seiten entlang ihre Sensoren, und so schwammen sie seitlich an uns aufgefädelten Tauchern entlang, inklusive Augenkontakt. Der Stock zur eventuellen Verteidigung baumelte bei uns allen hinter uns im Wasser herum, weil wir mit beiden Händen damit beschäftigt waren uns schützend vor der Strömung festzuhalten. Wenn du merkst wie schnell sich ein Hai bewegen kann und halbwegs bei Sinnen bist, merkst du in dem Moment dass der Stock nicht mehr ist als psychologische Unterstützung, denn bis du denn hinter dir hergefummelt ist der Hai schon 10 mal bei dir.

Man muss sich diese Situation vorstellen, weil du kannst ja nichts sagen, du kannst dich nicht austauschen, du kannst nicht mal miteinander Händchen halten. Jeder ist für sich. Erstaunlich. Und da ist es passiert, ich habe gemerkt, dass die Furcht vor den Tieren komplett verschwunden ist. Nicht weil ich ihnen vertraute, sondern weil ich ihnen komplett und vollständig ausgeliefert war. Das war DIE Erkenntnis unter Wasser. In dem Moment, in dem du die Kontrolle verloren hast, bist du frei von Angst.

Du kannst nichts mehr tun. Wenn der Hai dich will, kriegt er dich. Punkt.

Mir wurde schlagartig bewusst, dass ich vor etwas Angst hatte, dass ich nicht in der Hand hatte. Die Furcht wird obsolet in dem Moment wo die Situation vor der wir uns fürchteten eingetroffen ist. Wofür war die Angst dann gut? Sie ist nicht mehr als ein Schutzmechanismus, denn Auslieferung bedeutet absolute Angstfreiheit. Ich würde sogar sagen: Absolute Freiheit. Nie fühlst du dich so lebendig, so berauscht.

Das heißt jetzt nicht dass ich zum Adrenalinjunkie werde, aber diese Erkenntnis hat mein Leben verändert. Angst ist eine Illussion. Du hast Angst vor etwas bis es eintrifft, und wenn es da ist ist die Angst ist weg. Meine Haitaucherfahrung hat mir Mut gemacht. Vielleicht würden wir uns einen gefallen tun wenn wir uns das öfter ins Gedächtnis rufen. Timothy Ferris beschreibt es in seinem Buch „Die 4 Stunden Woche“ auch ganz gut. Zwar in einem anderen Zusammenhang, aber mit dem gleichen Punkt, sagt er in etwa:

95 % Prozent von dem worüber du dir Sorgen machst wird nie eintreffen.“

Die viel wahrscheinlichere Variante ist, dass alles gut geht und du gestärkt, bewusster, lebendiger, glücklicher und freier aus deinem Risiko hervortrittst. Egal ob persönlich, privat oder beruflich.

Dies ist ein Aufruf zum Risiko. Geh auf Reisen, nimm die Möglichkeit an, mach das Sabbatical, geh auf das Date, verwirkliche die Business Idee, TAUCH MIT DEN HAIEN!

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